Kann man Dialog, Beziehung lernen?“ – 40 Jahre Wüstenwanderung

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Beschreibung
 

Im Anschluss an den Gottesdienst konnten wir ein Streich-Duo besonderer Art miterleben: Bettina Roth-Engelhardt übermalte das Bild „Grundriss des Felsendoms“. Dazu erklangen 3 Sätze aus der Partita Nr.1 von Johann Sebastian Bach für Violine solo, gespielt von Rebecca Boyer. In einer Performance von Pinsel und Bogen entstand so vor unseren Augen etwas Neues – das Bild des Felsendoms, wie es sich einfügt in den interreligiösen Bilderzyklus „Metamorphosen in Weiss“.

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

was hat die Schriftlesung von der Versuchung Jesu – sein Kampf in der Wüste 40 Tage lang, das Lied vom Land der Knechtschaft und die Ausstellung miteinander zu tun? Wir werden sehen.

Die Überschrift über unseren Gottesdienst heute jedenfalls ist: Dialog.

Dialog - das nimmt auf, was wir im Januar beim Tag der Religionen erlebt ha­ben. Menschen ganz verschiedener Reli­gions­ge­meinschaften haben sich vor­gestellt, und wir sind miteinan­der ins Ge­spräch ge­kommen. Ausgangspunkt da­für waren die Bilder von Bettina Roth-Engelhard, die uns die Vielfalt der Reli­gio­nen vor Augen führen. Es waren neue schöne Begegnungen, die wir so tatsäch­lich noch nie in unserer Kirche hatten.

Das ist ja unsere Erfahrung: Manchmal gelingt das Gespräch auf Augen­höhe, mit Respekt und Interesse am andern, oft aber eben auch nicht. Und zugleich wis­sen wir, dass unser Zusammenleben ohne dieses aufrichtige Gespräch nicht geht. Was können wir dafür tun? Was sind die Voraussetzungen dafür, dass es gelingt?

Der Text eines jiddischen Liedes bringt es auf den Punkt.

Er heißt:

Esn est zikh, trinkn trinkt zikh, vos zol men ton az es davnt zikh nit?

Also: Essen geht von allein, Trinken geht von allein. Aber was soll man tun, wenn das davn - das Beten nicht von allein geht?

Die Verbindung mit Gott geht sichtlich nicht von allein.

Beziehung zu Gott, zum Lebendigen, zu den Mitmenschen muss wohl gelernt, geübt werden.

Und das kann dauern.

Dafür ist die Tora, sind die 5 Bücher Mose eine le­ben­dige Anschauung. Aus­führlichst wird da erzählt, wie das Volk Israel 40 Jahre in der Wüste unter­wegs war, unterwegs aus dem Land der Sklaverei, der Bedrängung hinein ins Land der Freiheit.

Mose beschreibt die Reiseroute: „11 Tage sind es vom Berg Sinai durch das Gebirge Seir bis in die Wüste von Kadsch Barnea (5.Mose 1,2)." Vom Berg Sinai bis zum Jordan 11 Tagesmärsche.

Das ist erstaunlich: Wenn das gelobte Land nur 11 Tagesmärsche entfernt ist - warum dauerte die Reise der Israeliten dann 40 Jahre lang? Wenn das Land der Freiheit in nur 11 Tagen zu erreichen gewesen wäre - warum dann 40 Jahre Unterwegssein?

Sichtlich braucht es genau diese Zeit, um ein Zusammenleben in Freiheit zu organisieren, einzuüben.

Denn aufgebrochen waren sie als ein Hau­fen Sklaven. Sklaven, die es wider alle Vernunft geschafft hatten, sich von der Gewaltherrschaft des Pharao zu be­freien. Unter dieser Herrschaft hatten sie gelebt, ausgebeutet bis zur völligen Er­schöpfung, ohne jeden Spielraum, eigene Entscheidungen zu treffen oder ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten. Selbst ihr Denken gehörte ihnen nicht.

Und nun die Freiheit.

„Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen.“

Dieser massive Vorwurf trifft Mose unerwartet. Und es ist über 40 Jahre lang der ständig wiederkehrende Vorwurf an ihn.

Aber es scheint so zu sein:
In Zeiten der Unsicherheit verklärt sich im Handumdre­hen, was einmal ganz schrecklich war. Es wird nach einem Schuldigen gesucht. Und wer einen sucht findet auch einen. Einfache Lösungen erscheinen auf ein­mal als die besten. Früher war alles besser. Lieber unterdrückt sein als selber Verantwortung zu übernehmen. Der Ruf nach einem starken Mann wird laut; der soll´s richten.

Es sind durchaus unsere Themen, die da erzählt werden, und Stimmen unserer Zeit.

In der Erzählung von der Wüstenwanderung des Volkes Israel sehen wir, wie schwierig es ist, autoritäres Den­ken, hinter sich zu lassen. Wie können da Ge­spräche auf Augenhöhe gelingen? Wie kann das Zusammen­leben von Ver­schie­denen gestaltet werden? Welche Strukturen braucht es, damit alle an al­lem teil­haben und der gesellschaftliche Reichtum gerecht verteilt ist.

Die Gebote Gottes sind dafür die Richtschnur. Es sind Gebote, die ein gutes Leben für Menschen in Freiheit eröffnen. Wir kennen sie. Aber sie wollen einge­übt wer­den. Und so ist Mose in den 5 Büchern Mose durchgehend damit be­schäf­tigt, die Gebote mit mahnenden Worten zu wiederholen. Damit die Voraus­setzungen für ein gutes Zusammenleben gegeben sind.

Ich nenne ein paar dieser Voraussetzungen von damals. Und ich halte sie für uns heute für höchst bedeutsam:

  1. Nie wieder darf es soziale Ungleichheit geben. Alle müssen erhalten, was sie zum Leben brauchen, Tag für Tag, Manna, Brot, das vom Himmel fällt. Und zwar umsonst. Umsonst müssen die Grundbedürfnisse erfüllt werden. Wer ver­sucht, Brot, Besitz anzu­häu­fen, sieht: es verschimmelt.
  2. Nie wieder darf es ein Führerprinzip geben. Selbst wenn einer Großartiges lei­stet wie Mose - er braucht mündige Menschen an seiner Seite, die Verant­wor­tung überneh­men. So werden in der gewissermaßen ersten demokratischen Wahl 70 Personen gewählt. Neben ihren Leitungsaufgaben sorgen sie auch für eine unabhängige Gerichts­bar­keit: „Entscheidet gerecht! Sei es der Streit eines Mannes mit seinem Bruder oder mit einem Fremden. Kennt vor Gericht kein Ansehen der Person … " Tausende von Gesetzen wurden in der Folge ent­wickelt, um Korruption und Benachteiligung zu verhindern.
  3. Nie wieder darf Arbeit die ganze körperliche Kraft und das Denken verbrau­chen. Es braucht einen herrschafts-freien Tag, den Schabbat. Er garantiert, dass Raum und Zeit unverfügbar bleibt. Zeit, um sich zu erholen, Zeit für Spiri­tua­lität, für das Heilige. Interessant ist, finde ich, dass sogar die Bundeslade als Zeichen für die Gegenwart Gottes - selbst sie ist ein Zeichen gegen Herrschaft, indem sie beweglich, nicht ortsge­bunden, also herrschafts­frei ist.

„Gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, wo er dich in einem Lernprozess durch Krisen führ­te, damit deutlich würde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote hal­ten würdest oder nicht.“

Trotz der gewonnenen Freiheit und trotz guter neuer Erfahrungen hielt sich die Skla­venmentalität hartnäckig. Am Ende dauerte es eine ganze Generation, bis alle im Gelobten Land ankamen. Fast alle, die den Auszug mitgemacht hatten, wa­ren zu der Zeit ver­storben. Erst mit einer neuen Generation konnte die neue Ge­meinschaft aufgebaut werden. Ob die Gebote Gottes, die Gebote des Le­bens in ihr gehalten werden?

„Esn est zikh, trinkn trinkt zikh, vos zol men ton az es davnt zikh nit? Esn est zikh, schlofn schloft sich, vos sol men ton az es lernt zikh nit?"

Vielleicht lernt es sich doch!

Amen

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