Offenbarung Kapitel 21

Predigt gehalten von
Datum der Predigt
Predigt-Text

Liebe Gemeinde,

am Anfang meiner Predigt möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Sie handelt von einer Frau, die ihr einziges Kind verloren hat und die dabei war, in ihrer Trauer unterzugehen:

Einstmals lebte in einer Stadt in Indien eine Mutter mit Namen Kisagotami. Nach einer schweren Krankheit hatte Kisagotami ihr geliebtes Kind verloren, das der Mittelpunkt ihres ganzen Lebens gewesen war. Der Schmerz über den Verlust ihres einzigen Kindes war so groß, dass sich ihr Geist verwirrte und sie in der Vorstellung lebte, ihr kleines Kind sei daheim und lediglich krank. So lief sie durch die Straßen, um eine geeignete Medizin für ihr Kind zu finden.

Auf ihrer erfolglosen und verzweifelten Suche begegnete sie einem weisen Mann, der ihr Hilfe versprach.

Indem er sie voll liebevoller Güte betrachtete, sagte er zu ihr:

Bringe mir eine Handvoll Sesamkörner. Diese Körner jedoch müssen eine ganz besondere Eigenschaft besitzen.

Da sagte die Frau voller Eifer und Ungeduld zu ihm: Sprecht nur, Weiser, welche Eigenschaft meint ihr, die die Sesamkörner haben sollen. Ich will sie wohl zu beschaffen wissen.

Die Körner, sprach der Weise zu ihr, müssen aus einem Haus stammen, in dem niemals ein Vater, eine Mutter, niemals ein Sohn oder eine Tochter, ein Knecht oder Magd gestorben sind.

Gerne willigte Kisagotami ein, dankte dem Weisen und begann ihre Wander­schaft durch die Straßen der großen Stadt.

Lange wanderte sie so, klopfte an Türen und Tore und lernte die Wege des Lebens und der Menschen Schicksal zu verstehen.

Nicht ein Haus fand sie auf der langen Wanderschaft, in dem nicht Menschen um einen Toten wußten, einen Mann, eine Frau, Vater oder Mutter, einen Sohn oder eine Tochter.


Was hat die Frau wohl gehört in den Häusern? Was hat sie erlebt mit den Men­schen, die wie sie Tod und Trauer erfahren hatten?

Dass am Ende ihres Weges alle Traurigkeit verschwunden wäre, davon ist nichts gesagt. Das wird nicht so gewesen sein. Wohl aber wird da von Haus zu Haus ein Gefühl von Verbun­den­sein gewachsen sein. Die trauernde Frau wird sich immer mehr aufge­nom­men gefühlt haben. Sie wurde Teil einer Gemein­schaft von Men­schen, die alle den Wege des Lebens neu finden mussten.

Wenn wir heute hier am Ewigkeitssonntag zusammen sind, dann sind wir solch eine Gemeinschaft. Alle haben wir den Tod kennengelernt. Im letzten Jahr oder in früheren Jahren. Und wir kennen es, dass unsere Tage voller Trauer wa­ren und sind. Auch wir müssen den Weg ins Leben neu finden.

Was leitet uns, was kann uns helfen?

Unser Predigttext lässt uns Worte hören aus der Offenbarung. Der sie aufge­schrie­ben hat, Johannes, geht gewisser­maßen wie die trauernde Mutter auch von Tür zu Tür. In seiner Bibel. Und jedes Mal versteht er mehr vom Weg des Lebens. Und er schreibt Worte auf, die die Seele in die Zukunft führen.

Wenn wir uns von ihnen leiten lassen, dann werden sich auch uns die Wege des Lebens zeigen.

Offenbarung Kapitel 21

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Der Seher Johannes, der ja an anderen Stellen ziemlich alptraumhafte Dinge sieht, der sieht hier am Ende eines dunklen Weges ein helles leuchtendes Bild. Es öffnet sich ihm die Tür zum Himmel.

Und ich sah einen neuen Himmel...

Großartige Worte sind es. Es ist eine globale Vision, ein allumfas­sen­des Bild: Gott selbst bringt seine geschun­dene Schöpfung wieder in Ord­nung.

Kein Re­pa­rieren oder nur Ausbessern von Schadstellen ist es. Nein, mit seiner Schöp­fer­kraft setzt Gott einen radikal neuen Anfang. Er be­en­det das Unheil. Nichts von dem alten Un­er­löst­sein bleibt mehr übrig.

Der alte Himmel, Erde und das Meer sind mit ihrer zerstö­re­ri­schen Macht außer Kraft gesetzt. Alles Bedrohliche, Lebensfeindliche ist verschwunden. Das Chaos mußte Gottes Willen weichen.

Wir begegnen Gottes Größe, seiner Entschiedenheit, seinem Sieg über das Un­heil. Herr ist er über die Welt. Der Lebendige, er und kein Anderer.

Wie gut!

Zu groß könnten diese Worte aber nun sein für Trauernde. Denn zu einem so weiten Blick sind Menschen nicht in der Lage, die von Trauer erfüllt sind.

Wenn es scheint, als sei das Le­ben zu Ende, als werde es nie wieder gut, dann sieht man kaum das, was direkt vor einem liegt.

Und so könnte man sich angesichts dieser weltweiten Erlösung ausgeschlossen füh­len. Als ob sie einen nicht erreichen würde. Und man bleibt irgend­wie allein zurück mit seiner persönlichen Trauer und der quälenden Frage nach dem Warum. Dieser Frage, die so weh tut und das Leben verstellt. Warum?

Johannes muss weitergehen. Er tut es:

Und ich sah die heilige Stadt...

Gott hat Platz geschaffen für Neues. Und nun wird eine Stadt sichtbar. Eine Wohnstätte für alle Menschen.

Was uns erwartet ist also nicht ein fernes unvorstellbares Ge­stirn, irgendwie über­irdisch. Es ist auch kein be­ziehungsloses Umherirren von körperlo­sen See­len im All, sondern wie­der Him­mel und Erde mit einer Stadt. Eine Behausung, Zusammenleben. Vorstellbar, Ver­traut. Ein Ort, wo es schön ist, wo es Hei­mat gibt. Ein Zuhause.

Wie schön!

Aber was machen wir mit uns, wenn wir uns da nicht einbringen können? Wenn uns die Trauer so unbeholfen macht in der Ge­sellschaft von Men­schen? Wir pas­sen doch nicht in eine Stadt mit dem Leben in ihrem Straßen, ihren Festen, ihrer Geschäftigkeit. Bleibt uns nur der Rückzug? Beschränktes Leben in un­serer Wohnung?

Wieder muss Johannes weitergehen. Es ist noch nicht soweit, dass wir wieder ins Leben finden.

Und ich hörte eine Stimme: siehe da Gottes Hütte bei den Menschen. Er ist ihr Gott und sie seine Menschen.

Gott will uns ganz bei uns sein. Niemand soll mehr sagen können, Gott sei weit weg, unnahbar, unerfahrbar. Denn Gottferne – das kennt Gott auch; das hat er selbst in Christus am Kreuz erlebt. Sich von Gott verlassen fühlen – das ist ihm nicht fremd.

Aber das soll überwunden sein. Gott wohnt nun neben uns, teilt un­ser Leben. Un­trenn­bar ist er mit uns verbunden. Unverbrüchlich ist die Beziehung. Gehal­ten sind wir in der Beziehung zu ihm, gehalten im Leben­di­gen. Gott ist in den Straßen der Stadt zu finden. Sie ist Ort seiner Gegenwart.

Was für eine Freude!

Aber was ist mit den Tränen in unseren Augen, wenn Gott uns be­geg­net?

Er trifft uns nicht in Feststimmung an. Tränen haben wir in den Augen und Trauer im Her­zen. Das Unglück, den Ver­lust tragen wir mit uns herum, eine schwere Last. Wir würden doch so gerne Gott begegnen, aber so?

Es muss noch etwas verstanden werden vom Weg ins Leben, von Gott.

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen...

So ist Gott. Er sagt nicht: bei den Meinen will ich aber keine Tränen sehen. Er verlangt keine irgendwie geartete Glaubensstärke, kein die Zähne zusam­men beißen.

Gott nimmt vielmehr die Tränen wahr. Und mit einer unendlich zärt­lichen Geste streicht er darüber. Er berührt sie. Liebevoll. Und er lässt sich berühren. Er sammelt sie gewissermaßen ein – wie es der Psalm­beter sagt: sammle mei­ne Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.

In diesem Krug sind sie bewahrt. Als ein Teil von uns bringen wir sie mit in die Nähe des Lebendigen. Aber dadurch sind sie nun ein Stück übergeben, losge­las­sen.

Das alles darf Zeit brauchen. Gott will hören, was uns so sehr schmerzt: der Verlust dieses lieben Menschen, all das Versäumte, Ungelebte, was nicht mög­lich war. Er will mit uns klagen über das, was zerbrochen ist, was uns kaputt­macht, Tränen in die Augen treibt.

Und dann wird irgendwann kein Schreien, kein Weinen mehr sein. Auch kein Tod.

Noch ist nicht soweit. Noch sind wir an einem Tag wie heute zusammen hier in der Kirche voller Sehnsucht nach Heilung.

Noch begleiten uns die Gräber. Noch müssen wir miteinander den Weg ins Leben suchen, von Tür zu Tür.

Was uns stärkt ist die Gemeinschaft, in die wir eintauchen. Gegenseitig helfen wir uns, wieder ins Leben zu finden. Es ist gut, wenn Menschen bei uns auf ein Haus tref­fen, wo eine Tür aufgeht und jemand Zeit hat, zuhört und mit­fühlt. Wo jemand linde Worte sagt, die hei­lend über die Wunden streichen. Wo jemand einfach nur da ist.

Was uns Kraft gibt, sind diese Worte, die von einer anderen Welt auf uns zu­kommen. Sie verwandeln unsere Seele, machen sie froh.

Was uns hält und beflügelt ist das Vertrauen in Gott, den Lebendigen, der sagt: Siehe, ich mache alles neu.

Amen


Das sagt uns Johannes: Du wirst in eine helle Zukunft geführt. Wenn diese Zeit der Trauer durchlebt ist, dann steht dir das Leben wieder offen. Deine Zukunft heißt Leben.